Dünnhäutig, unruhig, schnell gestresst, überfordert oder emotional: Viele meiner Klientinnen und Klienten wünschen sich, gelassener zur werden oder gelassener auf Ereignisse im privaten oder beruflichen Kontext reagieren zu können.
Wir stellen dann häufig fest, dass der Wunsch nach Gelassenheit vor allem damit zusammenhängt, dass wir unangenehmen Gefühlen und Gedanken möglichst aus dem Weg gehen wollen: Fehlende Sicherheit, mangelnde Kontrolle oder verletzte Werte lösen Ängste, Sorgen, Trauer, Wut, Nervosität oder Scham aus und reduzieren so die wahrgenommene Lebensqualität oder die Leistungsfähigkeit im Job: Unser System ist spürbar in Alarmbereitschaft. Dieser innere Zustand wollen wir natürlicherweise so schnell wir möglich beenden, weil er uns stresst und blockiert.
Das Standard-Vorgehen unseres Gehirns, um dieses Problem zu lösen: Gedankenkreisen, Grübeln, sich Sorgen machen und alle möglichen Katastrophenszenarien durchdenken. Aber, Hand aufs Herz: dieses Standardvorgehen funktioniert selten, im Gegenteil: die ständige Beschäftigung mit der Unsicherheit führt selten zu mehr Gelassenheit und Kontrolle. Sie hält uns so stark gefangen, dass wir einen Grossteil des Tages damit verbringen, eine unlösbares Problem zu lösen, die Zukunft: Was ist morgen? Was ist in einem Jahr? Welche Entscheidung ist die Richtige? Unser Gehirn versucht auf diese Weise, Kontrolle über Dinge zu erlangen, die nicht wirklich kontrollierbar sind.

Natürlich gibt es individuelle Unterschiede, wie schnell und wie stark ein Mensch auf innere oder äussere Reize reagiert, nur lassen sich diese Grundeinstellungen nur schwerlich verändern, da hier z.B. Neurochemie, Reizschwellen, Hormone, Persönlichkeit oder Charakter einen grossen Teil der Unterschiede ausmachen.
Gelassenheit ist also nicht das Loswerden von Unangenehmen oder unangebrachten Emotionen, sondern viel eher das Loslassen von Erwartungen an die Kontrollierbarkeit des eigenen Lebens, Gefühle, Gedanken oder unseres Körpers.
Gelassener reagieren statt gelassener werden: so geht’s
Gelassenheit beginnt damit, Gefühle wie Angst, Trauer oder Wut als ziemlich überzeugende Mitteilungen unseres Alarmsystems wahrzunehmen, aber nicht zwingend eine Reaktion erfordern. Ähnlich bei Sorgengedanken: Gedanken als das wahrnehmen, was sie letztlich sind: Gedanken, Vorhersagen, Möglichkeiten, aber keine Wahrheiten. Die nachfolgende Übung kann dir helfen, Gelassenheit zu entwickeln, indem du die Funktionsweise Deines Körpers auf eine ganz neue Art betrachtest: Als System.
Übung: Mitteilungen, Signale wahrnehmen und benennen
Nimm eine bequeme Haltung ein, schliesse Deine Augen und nimm drei ganz bewusste Atemzüge. Führe Deine Gedanken zurück zur letzten Situation, in welcher Du die Gelassenheit vermisst hast: Wo war das, wer war mit Dir im Raum? Wie warst Du vorbereitet? Wie war die Stimmung?
1) Versuche nun deine Körperwahrnehmung zu aktivieren: Wo in Deinem Körper spürst Du Stresssignale, Angst oder Wut? Wie äusserst sich das Signal? Vielleicht ein Ziehen in der Bauchgegend, vielleicht ein Druckgefühl im Lungenbereich oder Hals? Wilde, schnelle Angstgedanken?
2) Verbalisiere und benenne diesen Prozess nun ganz bewusst aus einer Beobachterrolle:
„Ich spüre gerade eine starke Stressreaktion“ oder „Bei mir gehen gerade einige Alarme ein.„
3) Mache nun ein kurzes Stretching deiner Hände oder Arme und verschiebe deine Aufmerksamkeit bewusst darauf, wie sich die Bewegung Deiner Muskeln und Gelenke anfühlt. Spüre, wie Du auch inmitten der vielen Alarme die Kontrolle über Deinen Körper behältst und deine Aufmerksamkeit verschieben kannst.
Wie war das für Dich? Wie ändert das deinen Umgang mit deinem persönlichen Körper?
Gelassener reagieren: vorbereitet in neue Situationen hineingehen
Gelassenheit hängt auch mit der Vorbereitung für schwierige Situationen zu tun. Nutze zur Vorbereitung auf Stresssituationen Dein Wissen und Erfahrung, um wichtige und realistische Szenarien zu entdecken und hilfreiche Handlungsoptionen zu planen und einzuüben für den Fall, dass dein Alarmsystem Purzelbäume schlägt. So kannst Du auch in Stresssituationen zielgerichtet Deine Handlungen steuern. Die folgenden Beispiele arbeiten mit einfachen Wenn-Dann Regeln, die auch im Stress gut verfügbar sind und Handlungsoptionen, die dazu dienen, den Zeit- und Handlungsdruck zu reduzieren: die gewonnene Zeit kannst Du dann nutzen, Dich zu beruhigen und das weitere Vorgehen zu planen.:
- Wenn in einer Sitzung die Situation zu eskalieren droht, dann bitte ich um eine Verschnaufpause, damit sich alle wieder sammeln können.
- Wenn ich den Drang verspüre, vehement zu widersprechen, dann zähle ich innerlich bis 10 und höre weiter zu.
- Wenn ich aufgefordert werde, eine wichtige Entscheidung zu treffen, dann sage ich „Vielen Dank für die Informationen. Ich nehme das so mit und melde ich gegen Abend mit einer Entscheidung“.
- Wenn ich bemerke, dass mich die Alarmsignale zu stark ablenken, dann mache ich eine kurze Anker-Werfen Übung.
- Wenn ich ein wichtiges Treffen vor mir habe, mache ich einen kleinen Spaziergang in der Natur, um mich zu sammeln und meine Ziele und Standpunkt zu klären.
Buchtipp zur Selbsthilfe
„Mit Ärger und Wut umgehen“ ist ein Buch von Forsyth und Eifert mit tollen Erklärungen und hilfreichen Übungen aus der Acceptance- und Commitment Therapie über den gesunden Umgang mit überaus menschlichen Emotionen und Prozessen, die häufig überfordern, aber im Gegenzug viel Energie für Veränderung bereitstellen.
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